Es gibt kein feministisches Ja zu Minarett- oder Burka-Verbot
Es gibt kein feministisches Ja zu Minarett- oder Burka-Verbot
Schon im Vorfeld der Abstimmung über die Minarett-Verbote wurde von verschiedenen Seiten die Behauptung aufgestellt, Gleichstellungsüberlegungen würden für ein Ja zur Initiative sprechen. Und nach der Abstimmung geht es gleich weiter: Die CVP fordert ein Burka-Verbot und wird dabei sekundiert von den SP-Frauen, die darin einen emanzipatorischen Akt sehen wollen.
Der Islam missachte die Rechte der Frauen, so die einfache Argumentation, und deswegen müsse er in seine Schranken verwiesen werden. Ein feministisches Ja zu Burka-Verboten helfe den islamischen Frauen aus ihrer Unterdrückungssituation. Übersetzt heisst das: Wir Schweizer Frauen zeigen den armen verblendeten Musliminnen den richtigen Weg zur Gleichberechtigung, und wer ihm nicht folgt, hat ein falsches Bewusstsein.
Gründlicher ist die Idee des Feminismus wohl kaum jemals missverstanden worden.
Bei der Frage der Zulässigkeit von Burkas handelt es sich in der Schweiz nicht tatsächlich um ein zahlenmässig relevantes Problem, und man sieht selbst in den Städten mit einem hohen Anteil an muslimischer Bevölkerung kaum Burka-Trägerinnen. Aber es geht ja auch nicht um Burkas, sondern angeblich um Gleichstellung.
Die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen lässt sich an verschiedenen Faktoren ablesen: Wahlrecht und politische Partizipation sind wichtige Punkte, das Recht auf ökonomische Unabhängigkeit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit und allen voran das Recht auf Bildung gehören entscheidend dazu. Alle einschlägigen Untersuchungen zeigen, dass gerade der Zugang zu Bildung eine entscheidende Voraussetzung für Selbstbestimmung ist, und hier hat die Schweiz ein echtes Problem. Mädchen mit Migrationshintergrund schliessen deutlich seltener eine Berufsausbildung ab als ihre Altersgenossinnen, und viele Frauen, die als Erwachsene einwandern, haben gar keinen Zugang zur Bildung.
Die wirklich wichtige Frage lautet daher: Wie lässt sich der Zugang zu elementarer Bildung auch für Personen aus bildungsfernen Kontexten gewährleisten? Wie kann man nieder-schwellige Bildungsangebote auf die Beine stellen, welche für Migrantinnen jeden Alters aus stark patriarchalisch geprägten Kulturen zugänglich sind? Wie erreichen wir, dass alle Mädchen unabhängig von ihrem nationalen und religiösen Hintergrund die Schule erfolgreich durchlaufen und eine Berufsausbildung abschliessen können? Mit Antworten auf diese Fragen könnten wir die Gleichstellung tatsächlich deutlich voranbringen und Frauen dazu befähigen, ihr Leben in die Hand zu nehmen.
Das Recht auf Selbstbestimmung der Frauen beinhaltet auch das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie mit oder ohne Kopftuch, Schleier, Perücke oder eben auch Burka auf die Strasse gehen möchte. Dass Schweizer Frauen darüber entscheiden wollen, welche religiösen Ausdrucksformen emanzipiert sind und welche nicht, entspringt einer grundlegend paternalistischen (!) Denkweise. Mit Feminismus als einer Bewegung zur Durchsetzung der Selbstbestimmungsrechte von Frauen hat das nichts zu tun. Ein feministisches Ja zu Burka-Verboten gibt es nicht!



